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14.01.2019

Warnung aus der Wirtschaft: Sind die guten Zeiten wirklich vorbei?

Wirtschaft Global-Risk-Report

„Wir säen die Saat für eine große Katastrophe“

| Lesedauer: 4 Minuten
Handelskrieg, Brexit, eine zerrüttete EU: In der westlichen Welt brodelt es. Dennoch ist es um unseren Wohlstand erstaunlich gut bestellt. Noch. Der renommierte Global-Risk-Report zeigt, wie heikel die Lage tatsächlich ist.

Amerika kämpft einen erbitterten Handelskrieg gegen China. Die Briten steuern direkt auf eine Brexit-Katastrophe zu. Die Europäische Union erlebt die größte soziale Zerreißprobe ihrer Geschichte. Trotzdem bleibt das politische und wirtschaftliche Chaos aus. Die Ökonomien der großen westlichen Nationen stehen erstaunlich gut da. Und dieser Zustand scheint die Lage zu beruhigen. Der noch immer vorhandene Wohlstand legt sich wie ein Schleier über das Brodeln in der westlichen Welt.

Diesen Schleier jedoch lüftet der bekannte Ökonom Ian Bremmer mit seinem aktuellen Global-Risks-Report. In diesem von seinem Analysehaus Eurasia Group herausgegebenen Bericht veröffentlicht er zusammen mit seinem Forscherteam eine Übersicht der größten potenziellen politischen und wirtschaftlichen Gefahren für die Welt. „Die geopolitische Gemengelage ist so brisant wie seit Dekaden nicht mehr“, heißt es im aktuellen Risikoreport.


Laut Bremmer könnte 2019 sogar das Jahr werden, in dem die Welt auseinanderbricht. „Die Extremrisiken, die durch Akteure entstehen, die Schaden anrichten und dann eine Eskalationsspirale auslösen, sind höher als je zuvor seit der Gründung der Eurasia-Gruppe im Jahr 1998“, schreibt er ohne Umschweife.

Denkbar sei ein Cyber-Angriff durch Russland, der außer Kontrolle gerät, ein Krieg im Nahen Osten zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Der Handelskrieg zwischen Amerika und China könnte die Welt in eine wirtschaftliche Rezession treiben. Das alles seien sogenannte Tail Risiks, also Extremvorfälle, die äußerst selten vorkommen, deren Eintreten jedoch starke Schäden hervorrufen. „Wahrscheinlich wird 2019 ein ordentliches Jahr, aber wir säen die Saat für eine große Katastrophe“, schreibt Bremmer.

Emmanuel Macron hat Hoffnungen der Europäer enttäuscht

Und hier kommt der Schleier ins Spiel. Die Strategen der Eurasia Group gehen davon aus, dass sich die ganz offensichtlichen Probleme, mit denen sich vor allem die westliche Welt herumschlägt, erst in nächster Zeit im Alltag der Menschen spiegeln.

„Geopolitische Zyklen materialisieren sich erst langsam“, erklärt Bremmer. Es dauere einige Zeit, bis sich eine einmal gewachsene geopolitische Weltordnung verändert. Bremmer macht den Westen selbst für diese langfristige Krise verantwortlich. Dem Aufstieg von China, der das westliche System attackiert, habe der Westen nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Der amerikanische Präsident Donald Trump sei unberechenbar, andere westliche Staats- und Regierungschefs hätten nicht die Führungsqualität, die etablierte Weltordnung aufrechtzuerhalten.

Ein Europa ohne die Briten sei ein gänzlich anderes Europa. Auf dem europäischen Festland habe der europäische Hoffnungsträger, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, enttäuscht. Mit einem Beliebtheitsrating von 23 Prozent fehle ihm die Autorität, die Massen tatsächlich auf den Pro-EU-Kurs einzuschwören. Stattdessen wachse das Lager der Gegner stetig. Auch anderswo in der Welt blühe der Populismus.

Japan sei eines der wenigen westlichen Länder in der Welt, das keine populistischen Tendenzen erlebe. Aber das sei darauf zurückzuführen, dass die Nation keinerlei Flüchtlinge ins Land gelassen habe und die japanische Gesellschaft in großem Reichtum langsam überaltere. Dieses Modell tauge nicht für den Westen als neue Orientierung.

Ein kalter Krieg der Technologie

Die Eurasia-Strategen prophezeien, dass die neue Weltordnung auch wirtschaftliche Spuren hinterlassen wird und somit unseren Wohlstand bedroht. „Wenn große Tech-Konzerne wegen des grassierenden Protektionismus’ weltweit nicht mehr die besten Komponenten zusammenkaufen dürfen, könnte dies zu einem Innovations-Winter führen“, waren die Experten. Vor allem Sicherheitsbedenken wären verantwortlich für das neue Paradigma. Bremmer spricht von einer Art kaltem Krieg der Technologie.

Und der habe Folgen. Er nennt das iPhone als Vorzeigeprodukt der Globalisierung alter Prägung. Komponenten kämen aus China, Japan, Taiwan, Südkorea, der Schweiz oder auch Deutschland. Zukünftig müsse sich Apple gegebenenfalls neue Zulieferer oder Fabriken suchen. „Neue Technologie wird teurer und ist nicht mehr so innovativ“, beschreibt Bremmer die Folgen auch für die Verbraucher.

Doch Trump verfolge auch beim Technologietransfer keine konsistente Politik, sondern umgebe sich sogar mit autokratischen Staatenlenkern, die den Westen zusätzlich schwächen. Sein Fazit fällt ernüchternd aus: „Die Erosion der westlichen Institutionen ist in vollem Gange.“